Legasthenie in der Wissenschaft
Unter der Legasthenie (Dyslexie; Lese-Rechtschreibstörung; Lese-Rechtschreib-Schwäche;
Lese-Rechtschreib-Schwierigkeit; LRS) versteht man eine massive und lang
andauernde Störung des Erwerbs der Schriftsprache. Die betroffenen Personen
(Legastheniker) haben Probleme mit der Umset-zung der gesprochenen zur
geschriebenen Sprache und umgekehrt.
Als Ursache werden eine genetische Disposition, Probleme der auditiven
und visuellen Wahrnehmungsverarbeitung, der Verarbeitung der Sprache und
vor allem der Phonologie angenommen. Die Störung tritt isoliert und erwartungswidrig
auf, d. h. die schriftsprachlichen Probleme entstehen, ohne dass es eine
plausible Erklärung wie eine generelle Minderbegabung oder schlechte Beschulung
gibt.
Untersuchungen gehen davon aus, dass im deutschsprachigen Raum 5 -10 % der Schüler von einer Legasthenie betroffen sind. Bei frühzeitiger Erkennung können die Probleme meist kompensiert werden; je später eine Therapie ansetzt, desto geringer sind in der Regel die Effekte. Gemäß der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, der Weltgesundheitsorganisation WHO) wird zwischen der Lese-Rechtschreibstörung (F81.0), der isolierten Rechtschreibstörung (F81.1) und einer kombinierten Störung schulischer Fertigkeiten (F81.3) unterschieden. Zu Beginn des Schriftspracherwerbs können Probleme beim Aufsagen des Alphabets, der Benennung von Buchstaben oder dem Bilden von Reimen auftreten. Später zeigen sich Leseprobleme, die folgende Formen annehmen können:
- Auslassen, Verdrehen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen
- niedrige Lesegeschwindigkeit
- Ersetzen von Buchstaben, Silben und Wörtern
- Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text
- Vertauschen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in den Wörtern
- Schwierigkeiten bei Doppellauten
Ebenso können Probleme im Leseverständnis auftreten, die sich folgendermaßen äußern:
- Unfähigkeit, Gelesenes wiederzugeben, aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu sehen
- Gebrauch allgemeinen Wissens anstelle der Textinformationen beim Beantworten von Fragen
Diese Lese- und Rechtschreibfehler sind nicht typisch für Kinder mit Legasthenie,
sondern alle Kinder, die das Lesen und Schreiben erlernen, machen anfänglich
die gleichen Fehler in verschieden starkem Ausmaß. Bei den meisten Kindern
nehmen die Probleme jedoch sehr rasch ab und verschwinden schließlich weitgehend.
Kinder mit Legasthenie machen die Fehler wesentlich häufiger und die Probleme
bleiben über lange Zeit stabil. Auffällig ist die enorme Inkonstanz der
Fehler: Weder ist es möglich, stabile Fehlerprofile zu ermitteln, noch
gibt es eine bestimmte Systematik der Fehler. Ein und dasselbe Wort wird
immer wieder unterschiedlich falsch geschrieben.
Auch wenn eine Legasthenie nicht anhand der Fehlertypen diagnostiziert
werden kann, so hat sich doch unter therapeutischen Gesichtspunkten eine
Unterteilung der Fehler in die folgenden Fehlerarten als hilfreich erwiesen:
- Phonemfehler als Verstöße gegen die lautgetreue Schreibung (Verstöße gegen die Buchstaben-Laut-Zuordnungsregeln, Probleme bei der Wortdurchgliederung: Auslassungen, Verdrehungen, Hinzufügungen)
- Regelfehler als Verstöße gegen die regelhaften Abweichungen von der lautgetreuen Schreibung (Ableitungsfehler, Groß-/Kleinschreibungsfehler)
- Speicherfehler oder Merkfehler als Verstöße gegen die regelhaften Abweichungen
- Restfehler